25. Internationales Jazz Festival Sankt Ingbert –
was bisher geschah

 

Viele Dinge haben sich im Lauf der letzten 25 Jahre geändert. Versetzen wir uns einmal ins Jahr 1986 zurück. Damals diskutierten in Sankt Ingbert eine Handvoll Jazzenthusiasten um den Musiker Jörg Jacob, wie man ein Festival organisieren könnte, das sich intensiv mit einer Musik auseinandersetzt, die so ganz und gar nicht populär war. Denn der Jazz hatte durch die teilweise extremen Experimente in den 60er-Jahren seinen Ruf als Musik für die breite Masse verloren. Übrig geblieben waren nur noch wenige Fans, die Modern und Free Jazz zu folgen vermochten.

Kein Festival ohne Jörg Jacob
Es lohnt sich, einen näheren Blick auf Jörg Jacob, den jungen Mann aus dem Stadtteil Rohrbach, zu werfen, um die bemerkenswerte Entstehungsgeschichte des Sankt Ingberter Festivals zu verstehen. Seine Freunde nannten ihn „Hacker“, er schrieb unter anderem Berichte, Kurzkrimis und Besprechungen kultureller Veranstaltungen in verschieden Zeitungen, die regional und überregional erschienen. Dort kannte man ihn unter dem Pseudonym „Jay Jay Slowfinger“. Er organisierte Lese –und Krimistunden und noch vieles mehr. "Er liebte die Musik, die Inspiration und die Kommunikation mit seinen Freunden, die daraus entstand. Er liebte sein St. Ingbert, sein Saarland, seine Saarländer. Er, der Idealist, der Bescheidene, perfekt darin, sein Licht unter den Scheffel zu stellen, ließ anstelle großer Worte lieber Taten sprechen und gründete mit Hilfe seiner Freunde 1987 das "Sankt Ingberter Jazzfestival" erinnert sich Jörg Jacobs Schwester Claudia Tussing. Seine Wirkungsstätte war damals das Jugendzentrum in der Pfarrgasse Sankt Ingbert. Wolfgang Kraus stellte ihm seine Kinowerkstatt zur Verfügung und die Betreiber des Café K (Verein Sauerteig) ihr Lokal.

Auftakt 1987
Dass Jazz weit mehr ist als schräge Töne, darüber waren sich Jörg Jacob und seine Freunde einig. Also ging man ans Werk und veranstaltete 1987 das erste Jazz Festival in Sankt Ingbert. Kaum jemand hätte damals wohl geahnt, dass aus den Konzerten im Kinosaal des Jugendzentrum einmal eine Veranstaltung werden würde, die weit über die Region hinaus strahlen würde. Ja sogar ein Festival, das in der Oberliga deutscher Jazzfestivals spielen sollte. Und erst recht nicht, dass die Konzerte aus Sankt Ingbert einmal live in ganz Europa ausgestrahlt werden sollten.

Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg, der allerdings nie begonnen worden wäre, wenn nicht Jörg Jacob die ersten mutigen Schritte gemacht hätte. Die Künstler des ersten Festivals, das im März 1987 über die Bühne ging, kamen aus der Region, wie Dieter Oldenburg und Mathias Harig. Aber auch vor Überraschungen waren die Festivalmacher nicht gefeit. Da eine Gruppe wegen Erkrankung ausfiel, sprang niemand Geringeres als Frank Nimsgern ein und brachte eine Jam-Band mit Musikern der ganzen Region zusammen.

Mit 600 Besucher war die Publikumsresonanz für die Veranstalter überwältigend. Durch diesen Erfolg und weitere gut besuchte Jazzkonzerte im Laufe des Jahres angespornt, wurden in privater Initiative Kontakte geknüpft, Pläne geschmiedet und wieder verworfen bis schließlich und endlich feststand, dass dem zuvor rein regionalen Festival ein internationaler Zuschnitt gegeben werden sollte. Außerdem sollten auch weiterhin einheimische Bands dabei sein, um die saarländische Szene durch die gemeinsame Präsentation mit internationalen Stars aufzuwerten.

Das 2. Internationale Jazz Festival Sankt Ingbert
Kein Wunder, dass sich bereits im zweiten Jahr deutlich mehr Interesse auf das kleine Sankt Ingberter Festival richtete. Mittlerweile hatte auch die Stadt in Person von Kulturamtsleiter Elmar Peiffer ihre Unterstützung zugesagt. Das Festival mit Künstlern wie Remy Fillipowitsch, Wolfgang Engstfeld oder dem Heinz-Sauer Quartett wurde in der Presse erstmals unter dem Namen genannt, den es heute noch trägt, Internationales Jazz Festival Sankt Ingbert.

Umzug in die Stadthalle
Eines stand am Ende des zweiten Festivals fest: die Räume wurden zu klein. Daher ging man 1989 ein Wagnis ein und verlegte die dritte Ausgabe der Jazztage in die Stadthalle. Mit Erfolg, denn dort sollte man den Jazz fast 20 Jahre lang beheimaten. Nicht nur der Spielort wurde hochwertiger, auch die Künstler. So liest man im Programmheft, dass am 25. Februar 1989 niemand anderes als Albert Mangelsdorff in Sankt Ingbert spielen sollte. Der Beginn eines Konzeptes mit Weltstars, das sich bis heute fortsetzt.

Ein Jahr später ging man noch einen Schritt weiter. Die Werbemaßnahmen wurden als Projektarbeit des Kunsthochschulprofessors Dr. Popp und seiner Studenten konzipiert, sodass sich Bildende Kunst und musikalische Experimente kongenial vereinten. Künstlerisch erstaunte das 4. Internationale Jazz Festival Sankt Ingbert durch Stars wie Archie Shepp, Charlie Mariano und asper van't Hof. Das Festival hatte ein neues Niveau erreicht.

Die Stadt Sankt Ingbert wird Veranstalter
Doch genau das sollte sich als Problem herausstellen. Kunstprofessor Popp hatte es in seinem Vorwort zum vierten Festival auf den Punkt gebracht: "Wenn Jazz der Ausdruck einer permanenten Störung konventioneller Harmonie ist und somit seine Wurzeln im Ungehorsam hat, dann ist es geradezu widersinnig, ein Jazz-Festival zu veranstalten." Zudem führte gerade die zunehmende Dimension der Veranstaltung zu Spannungen zwischen den Veranstaltern. So lange das Festival komplett privat organisiert wurde, konnte man Organisatorisches mit größtmöglicher Freiheit erledigen. Doch es wurde zwingend notwendig, die Stadt Sankt Ingbert einzubinden, um Finanzierung und Organisation stemmen zu können. Eine öffentliche Verwaltung hat jedoch strenge Vorschriften, die bei oberflächlicher Betrachtung recht widersinnig und als Bremse der Kreativität anmuten können. So nahmen die Spannungen zu und am Ende legte Jörg Jacob sein Amt als Festivalleiter nieder. Die gesamte Organisation und Finanzierung ging in die Hände des Sankt Ingberter Kulturamts unter Leitung von Elmar Peiffer über, dessen Finanzierungsantrag in Höhe von 60.000 DM im städtischen Haushalt verankert wurde. Künstlerische Leiter wurden Klemens Bott und Franz-Joseph Zimmer, die auch schon in den Jahren zuvor in der Festivalorganisation mitgearbeitet hatten. Ab 1995 übernahm statt Klemens Bott Hartmut Oswald diese Funktion.

 

Das Radio mischt mit: SR2 Kulturradio steigert den Erfolg
Eine erfreuliche Begleiterscheinung des Sankt Ingberter Jazz Festivals war, dass es das Interesse des Saarländischen Rundfunks weckte. So war SR2 Kulturradio schon früh vor Ort, um die Konzerte aus der Stadthalle aufzuzeichnen und später in Auszügen zu senden. Ein wichtiger Baustein für den zunehmenden Erfolg der Veranstaltung.

Das 21. Jahrhundert brachte schließlich sogar die Live-Übertragung auf SR2 Kulturradio, zumindest einer oder zwei Veranstaltungen. Seit vier Jahren geht man noch einen Schritt weiter und überträgt direkt über die EBU, der Vereinigung öffentlich-rechtlicher Sender in Europa, über alle Sender der Mitgliedsstaaten.

Kein Wunder also, dass Dr. Peter Kleiß nicht nur als künstlerischer Festivalleiter eine wichtige Rolle spielt, sondern auch als Jazzredakteur des Saarländischen Rundfunks. Besser ließen sich Synergieeffekte kaum nutzten. Doch zurück zum Rückblick auf die Jazzgeschichte in Sankt Ingbert.

Klemens Bott und Franz-Joseph Zimmer oder die Reise zur Avantgarde
Die folgenden Jahre nach 1991 waren davon geprägt, das Profil des Internationalen Jazz Festivals Sankt Ingbert zu schärfen, aber auch zu verändern. Die Richtung ging hin zur Avantgarde, gemischt mit großen Namen, vorwiegend aus den USA. Die Resonanz des Publikums blieb gemischt. Während die aus Europa stammenden Avantgardisten wie das Moscow Art Trio, Peter Brötzmann oder Wollie Kaiser eher verhaltende Publikumsresonanz erfuhren, konnte man bei Stars wie Leicester Bowie, John Lurie, Courtney Pine oder Ginger Baker stets "ausverkauftes Haus" vermelden.

Der Avantgarde-Jazz verlässt Sankt Ingbert
Dennoch, die durchschnittlichen Besucherzahlen der beiden Festivaltage in der Stadthalle gingen Jahr für Jahr zurück. So wurde es notwendig, nach dem 12. Internationalen Jazz Festival Sankt Ingbert 1998 einen grundsätzlich neuen Weg einzuschlagen. Ab 1999 übernahm Dr. Peter Kleiß, Jazzredakteur beim Saarländischen Rundfunk, die künstlerische Leitung. Kleiß war als Moderator dem Sankt Ingberter Festival schon seit vielen Jahren eng verbunden, sodass die Veranstaltung für ihn kein völliges Neuland darstellte. Sein Konzept bis heute: innovativen Jazz vorzustellen, der die aktuellen Strömungen dieser Musik aufgreift und dabei durchaus über die engen Grenzen der klassischen Blue Notes hinausgehen kann.

Entwicklung durch neue Ideen und Experimente
Stetes Ziel war und ist, das Internationale Jazz Festival Sankt Ingbert weiterzuentwickeln und auch den Wünschen und Bedürfnissen des Publikums anzupassen. So erweiterte man das Festival auf mehrere Tage und, bezog Kirchen, Museen und die Gastronomie Sankt Ingberts als Veranstaltungsorte ein. Ziel war es, den Jazz in der Bevölkerung sichtbar zu machen und auch solche Menschen einzubinden, die bisher eher distanziert der zu Unrecht als intellektuell angesehenen Musik gegenüberstanden. Mit Workshops für Vereine wurde diese Idee noch ausgebaut.

Coal Jazz als Hommage an die Industriekultur
So entstand auch die Idee, mit "Coal Jazz" die Musik der Bergarbeiter der Region Saar-Lor-Lux und den Jazz zusammenzubringen. Das Projekt wurde Jahr für Jahr weiterentwickelt und erreichte 2007 seinen Abschluss und Höhepunkt, als Luxemburg und die Großregion zur Kulturhauptstadt Europas wurden. Traditionsreiche Formationen aus Luxemburg und die Sankt Ingberter Bergkapelle trafen auf Jazzmusiker aus Frankreich, Deutschland und dem Großherzogtum. Als besonderer Teilnehmer des Projekts konnte Starposaunist Nils Landgren aus Schweden gewonnen werden.

Freund und Unterstützer: Starposaunist Nils Landgren
Mit Nils Landgren entwickelte sich seit seinem ersten Sankt Ingberter Auftritt 2001 nicht nur eine enge Zusammenarbeit, sondern auch ein herzliches, freundschaftliches Verhältnis. Der Posaunist, an vielen internationalen musikalischen Projekten beteiligt, prägt als künstlerischer Leiter auch das renommierte Berliner Festival. Er liefert bis heute immer wieder neuen Ideen für das Programm des Sankt Ingberter Festivals. Er und seine musikalischen Weggefährten wie der leider viel zu früh verstorbene Esbjörn Svenson, Viktoria Tolstoy oder Ulf Wakenius begeisterten und überraschten die Zuhörer.

Der Jazz zieht ins Kulturzentrum Alte Schmelz
Stillstand ist der Feind der Kultur. Das gilt auch für das Internationale Jazz Festival Sankt Ingbert, das in jedem Jahr Veränderungen erfährt, welche die Veranstaltung für Publikum und Künstler noch besser und interessanter machen sollen. Ein wichtiger Schritt wurde 2008 unternommen, als der Spielort des Festivals von der Stadthalle ins Kulturzentrum Alte Schmelz verlegt wurde. Statt dem in den 70er-Jahren konzipierten, eher nüchternen Zweckbau am Marktplatz stand jetzt ein ehemaliges Industriegebäude zur Verfügung, das sowohl durch eine interessante Architektur als auch durch die schiere Dimension neue Möglichkeiten bot. So konnten beim Internationalen Jazz Festival Stars engagiert werden, für welche die Stadthalle einfach zu klein gewesen wäre. In diesem Zusammenhang sind die Konzerte mit Paul Kuhn oder Till Brönner zu erwähnen, die dem Festival viele neue Besucher brachten.

Das Festival wird zur "Woche des Jazz"
Ein neuer Spielort mit der Möglichkeit, sowohl die große Halle der sogenannten Industriekathedrale als auch die kleineren Räumlichkeiten des Eventhauses zu nutzten, veränderte nicht nur die Art des Programms, sondern auch dessen Umfang.  So wurde aus dem ursprünglich zweitägigen Festival eine ganze Woche des Jazz, die fünf bis sechs Veranstaltungstage umfasst. Festivalleiter Peter Kleiß sucht für das erste Wochenende im Eventhaus junge, eher unbekannte Bands aus, deren Auftritt im großen Saal weit weniger gut wirken würde als im 320 Besucher fassenden Veranstaltungsraum des Eventhauses. Das zweite Wochenende ist dann großen Formationen vorbehalten, die eine entsprechende Bühne brauchen. Oder eben Stars, die eine große Zahl an Zuschauern anlocken.

Jazz aus Sankt Ingbert in ganz Europa
Auf diese Art und Weise stieg auch die überregionale Bedeutung des Sankt Ingberter Jazzfestivals enorm an. Die Woche des Jazz im März ist auf dem besten Weg, zu einem der wichtigsten Festivals der Blue Notes in Deutschland zu werden. Auf dieses Ziel hinzuarbeiten, gehört zu den Aufgaben der nächsten Jahre. In diesem Zusammenhang gilt es auch, weiterhin das Interesse der EBU, dem Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender in Europa, wach zu halten, die seit drei Jahren mindestens einen Veranstaltungsabend aus Sankt Ingbert live in ganz Europa sendet. Eines steht fest: auch die nächsten 25 Jahre werden dem Jazz spannende Momente in Sankt Ingbert bescheren.